Der Ruf, der nicht verneint werden kann!

Ein Interview mit Armin Wirth über seine Motivation, zu immer wieder neuen, gefährlichen Expeditionen aufzubrechen.

Warum gehst Du in die Antarktis?

Ich habe lange versucht, eine Erklärung dafür zu finden, warum es mich in den letzten 20 Jahren immer wieder ins Eis gezogen hat. Und das, obwohl ich dort – neben den schönen Erlebnissen – auch sehr gelitten habe. Viele Jahre, gespickt mit Expeditionen durch Grönland, Spitzbergen oder hoch zum Nordpol und nun zum zweiten Mal in die Antarktis, nach unserem Scheitern dort in 2008 ...
Aber, die einfache und doch schwer zu begreifende Wahrheit ist, dass es keinen Grund dafür gibt. Es gibt nur einen inneren Ruf, und dem muss ich folgen, da er nicht verneint werden kann. Er ist einfach da. Sehr leise. Vom Alltagslärm im Kopf wird er meist übertönt. Er ruft aber beständig und hört nie auf. Er scheint eine unendliche Geduld zu haben und wenn man ihn einmal wirklich bewusst gehört hat, dann gib es kein Zurück mehr. Der Ruf zieht dann alle Aufmerksamkeit auf sich.

Wie muss man sich solch einen Ruf vorstellen?

Ihm zu folgen, ist wie das glückliche Wissen, auf dem richtigen Weg nach Hause zu sein. Es ist ein Gefühl, eine Gewissheit, die unheimliche Kraft, Leichtigkeit und Freude verleiht. Und das völlig unabhängig davon, was gerade um mich herum passiert. Egal, ob Schneesturm oder Flaute herrscht. Einfach Freude.

Fällt es dir leicht dem Ruf zu folgen? Dich immer wieder auf den Weg zu machen?

Ich habe nach Aloha Antarctica in 2008, wie schon oft zuvor, versucht, diesen Ruf zu ersticken. Denn den Ruf zu hören, ist eine Sache, ihm aber zu folgen, eine ganz andere. Es hat Konsequenzen.
Bin ich bereit, ohne zu wissen, was es bedeutet, mich ganz dem Ruf hinzugeben? Auch wenn ich voller Angst bin, trotzdem den nächsten Schritt zu wagen? Wieder in einem Schneesturm orientierungslos zu sein, dem Ruf aber trotzdem zu vertrauen? Bin ich dazu bereit? Bereit, die Kontrolle abzugeben und es nicht besser wissen zu wollen? Mich auf eine völlig neue Erfahrung einzulassen? Da zu sein und zu sagen: „Ja, ich stehe zur Verfügung“, auch wenn es bedeutet zum Südpol aufzubrechen …

Was lernst Du auf diesem Weg?

Ich lerne und erfahre in jedem Augenblick, dass es meine Schattenseiten sind, die mein Leben anstrengend und unerfüllt machen. Durch die Expedition werden sie an die Oberfläche gespült. Es gibt in der unendlichen Weite und Stille einfach keinen Ort, an dem sie sich verstecken könnten. An dem ich mich verstecken könnte.
Damit beginnt der Prozess, meine Schattenseiten Stück für Stück loszulassen. Den Glauben loszulassen, dass ein Trugbild mir Glück und Erfüllung bringen könnte. Denn, ihre Belohnung sind Schmerz und Verzweiflung. Und doch versprechen uns unsere Schattenseiten immer wieder aufs Neue, dass sie uns für unsere Treue Freude schenken. Freude ist aber der Preis, den die Schatten für die Treue fordern und daher niemals werden geben können. Denn sie kennen nur Angst, Verzweiflung und Schuld.

Was bedeutet dies für dein Leben?

Expeditionen bieten mir die Möglichkeit durch ihren Kontrast zu meinem Alltagsleben, festzustellen, wann ich dem wirklichen Ruf folge und wann ich doch mal wieder den Verlockungen der Schattenseite auf den Leim gegangen bin.
Momentan folge ich dem Ruf nicht immer sofort, gehe noch Umwege, winde mich bis der Schmerz zu groß wird und ich merke, dass ich wieder den Schatten Glauben geschenkt habe. Dann lenke ich meine Aufmerksamkeit auf den Ruf zurück.
Dieses Prinzip funktioniert für alle meine Lebensbereiche. Egal, ob ich mein Unternehmen leite, in einer Beziehung bin oder am Ende der Welt einen Schlitten durchs Eis ziehe. Friede und Freue kehren ein, wenn ich dem Ruf folge. Denn es ist letztendlich mein innerer Ruf.

Auf dem Weg durch eisiges Neuland:

„Ich gehe nicht in die Antarktis, um ein Ziel  zu erreichen oder dort gewesen zu sein“

Ein Interview mit Dieter Staudinger über seinen Sinn des Lebens. Er findet ihn darin, seinem inneren Ruf zu folgen und in die Antarktis zu gehen.

Was bewegt dich dazu, in die Antarktis zu gehen?

Ich lasse mich auf dieses Erlebnis ein, weil ich einen Ruf in mir wahrnehme, der sich nicht verneinen lässt. Abstrakt habe ich diesen Ruf schon lange gefühlt – die konkrete Form der Antarktis hat dieser Ruf jedoch erst angenommen als mich Armin damals im Jänner 2008 angerufen hatte, um mich zu fragen, ob ich mit ihm auf eine Expedition zum Südpol gehen wolle. Unsere erste Expedition mussten wir dann ja leider verfrüht abbrechen, weil wir nicht die prognostizierten und von uns erwarteten Windbedingungen hatten. Nach diesem Abbruch wollten wir eigentlich beide nicht mehr wieder zurück in die Antarktis und taten alles, um den erneuten Ruf zu ignorieren. Doch er war da und hat sanft, aber stetig erneut meine Begeisterung und Liebe dazu entfacht, neue Horizonte im Innen wie im Außen zu entdecken. Und dann kam für mich der Punkt, an dem das Verneinen dieser inneren Stimme mehr Widerstand in mir auslöste als Unsicherheit, dem Ruf zu folgen. Und in diesem Moment der Klarheit wurde mir auch der Grund  für die Expedition bewusst: Ich gehe  nicht, um ein Ziel zu erreichen. Ich gehe als Ausdruck des Vertrauens in diesen Ruf, der mich führt, und ein Gefühl der Freude und Verbundenheit in mir weckt, das wahrlich grenzenlos ist.

Was möchtest du auf diesem Weg erfahren?

Ich vergleiche das gerne mit meiner Schulzeit. Ich lernte damals, weil ich musste und hatte meistens keine Freude daran oder nur wenig Bezug zu dem, was gelehrt wurde. Ich war lieber draußen in der Natur auf Entdeckungsreise. Dort habe ich mich am wohlsten gefühlt und mit viel Begeisterung gelernt. Man könnte sagen, ich bin schon damals diesem Ruf gefolgt, ohne zu wissen, warum oder wieso. Das „warum“ und „wieso“ wurde in der Schule gelehrt. Es bringt Verständnis und Wissen, aber eben keine Erfüllung und keinen Frieden. Und so lerne ich auf dem Weg zur Expedition und auf der Expedition selbst, meinen Widerständen offen und ehrlich zu begegnen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Expedition verlangt sehr viel Konzentration und Aufmerksamkeit in diesem Bereich – der Ruf ist mein innerer Lehrer, der mich in diesem Prozess lenkt und führt.  Dadurch lerne ich vieles: z.B. die Erfahrungen und Herausforderungen auf der Expedition sowie auch im täglichen Leben so anzunehmen, wie sie kommen. Und auch aus dem „Inneren Raum“ der Begeisterung und Verbundenheit heraus, Schmerz und Ängste einzugestehen, anzunehmen und loszulassen. Wie schon 2008 für mich gezeigt hat, ist die Antarktis ein für mich ideales Klassenzimmer und ich bin bereit für die nächste Lehreinheit.

Was versprichst Du dir davon, dich immer wieder auf den Weg zu machen?

Ich war immer wieder baff, dass wir alle oft die besten Vorsätze haben, dann aber in deren Umsetzung oft zu spüren bekommen, dass da noch ein anderer Teil in uns wohnt, der aktiv gegen die erfolgreiche Umsetzung arbeitet. Sicher kennen das viele. Leider folgen wir nur allzu oft diesem bremsenden Teil, da er sehr laut und eindrucksvoll unsere Schwächen und Ängste gegen uns verwendet. Das ist bei mir jedenfalls so. Anstatt eines Versprechens ist es also mehr ein sich Aussprechen für diese innere Stimme. Dieser Ruf ist vergleichsweise leise, aber er spricht konsistent und führt mich kontinuierlich zu mehr Vertrauen, Freude und Verbundenheit.

Wie muss man sich diesen Ruf vorstellen?

Es ist die innere Stimme, die uns lenkt und durch deren Führung unser Leben Sinnhaftigkeit erlangt. Es ist ja für viele Menschen nicht vorstellbar, sich bewusst auf eine solche Expedition einzulassen. Sie ist mit extremen physischen und mentalen Strapazen verbunden und auch sehr gefährlich. Was aber für viele Menschen nachvollziehbar ist, ist das Streben nach Zufriedenheit, Erfüllung und Sinnhaftigkeit. Nun ist es aber eben für mich so, dass mein Ruf, diese innere Stimme, der zu folgen für mich Ausdruck größten Glücks und größter Freude ist, mich in die Antarktis zieht. Diese Stimme kommuniziert mit mir in Bildern, Ideen, Emotionen, Geistesblitzen und manchmal auch in Worten. Immer mit dem Ziel, mein inneres Erleben zu bereichern und mein größtes Potenzial zu heben und zu leben. Ich bestimme nicht den Inhalt oder die Form des Rufes, sondern kann mich nur für ihn oder gegen ihn entscheiden. Hauptziel für mich ist also nicht, den Südpol zu erreichen, sondern mich auf die Reise selbst einzulassen und diesem Ruf Ausdruck zu verleihen.
 
Was bedeutet dies für dein Leben?

Einer meiner Lieblings Dichter, Ralph Waldo Emerson, hat mal gesagt: „Wir müssen die Welt durchreisen, um das Schöne zu finden, aber wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.“
Ich bin überzeugt, dass unser Leben einen bestimmten Grund hat. Meine Sinnhaftigkeit finde ich darin, in diesem Ruf selbst und darin, ihn zu erhören und ihm zu folgen – das ist mein Antrieb. Die Expedition selbst dient als Raum, in dem ich mir selbst offen und ehrlich begegne, mich meinen Ängsten und Schwächen stelle und in mir entdecke, was noch unberührt und unerfahren ist.  Was das für mein Leben bedeutet, kann ich noch nicht genau sagen. Aber es ist mein Leben, zu lernen, dieser inneren Führung zu vertrauen und ihr vorbehaltlos zu folgen, wohin auch immer sie mich führen mag.