Was ich noch wissen wollte …

Expeditionen sind nicht gerade das, was jeder von uns täglich macht. Wir erhalten viele Fragen, wie wir die sonst normalen, alltäglichen Dinge wie Essen, Schlafen oder Waschen in der Antarktis bewältigen. Aus allen Fragen haben wir hier eine Auswahl zusammengestellt.

Hier könnt ihr uns eure Fragen zuschicken.

F: Wie weit sind 3.500 Kilometer wirklich?

A: Uns ist klar geworden, dass die Zahl allein nicht viel bedeutet. An Beispielen von verschiedenen Flugdistanzen lässt sich diese unglaublich große Entfernung etwas besser verdeutlichen.

  • Hamburg – Kairo
  • Berlin – Kuwait City
  • Wien – Fuerteventura
  • Toronto, Kanada nach Vancouver, Kanada
  • New York City, USA – Los Angeles, USA
  • Madrid – Moskau


Unsere tatsächliche Distanz auf der Expedition aber variiert, da wir uns nur selten in einer geraden Linie bewegen werden.


F: Was esst ihr auf der Expedition?

A: Unser Menü ist jeden Tag sehr ähnlich. Zum Frühstück essen wir Amaranth-Müsli mit etwas Milchpulver. Zusätzlich gibt es Öl als Kalorienbombe. Jeder von uns trinkt eine Portion „Peronin“, ein hochkalorisches und mit vielen Nährstoffen versehenes Pulver, das zu einer Art Vanille-Milchshake verarbeitet wird.

Tagsüber essen wir Riegel (Was für Riegel?), Schokolade und zu Mittag eine Nudelsuppe mit Knäckebrot, die wir schon am Morgen in einen Thermocontainer füllen. Zusätzlich gibt es eine Packung Trekking-Kekse.

Am Abend gibt es Trekking-Mahlzeiten von Katadyn. Dabei handelt es sich um getrocknete Nahrung, der jedes Wasser entzogen wurde. Vom „Jägertopf“ bis zum „Couscous“ ist hier alles vertreten. Für die Proteine isst jeder von uns eine kleine Packung „Beef Jerkey“ und zum Nachtisch gibt es manchmal „Mousse au Chocolat“. Ebenso wie das Frühstück bringen wir auch das Abendessen mit zusätzlichem Öl auf die von uns benötigte Kalorienmenge.

Neben den Hauptmahlzeiten nehmen wir täglich Multivitamintabletten ein, trinken Vitamin-C-Pulver und essen etwas getrocknetes Obst. Denn: Selbst die besten Vitaminpräparate können die in Obst enthaltenen Vitamine und Spurenelemente nicht ersetzen.


F: Wie viel Essen müsst ihr zu Euch nehmen?

A: Wenn wir den Schlitten ziehen müssen, verbrennen wir ungefähr 5.000 bis 6.000 Kalorien pro Tag. Beim Kiten kommt es auf den Wind, den Untergrund und die Temperatur an, aber hier sind es nur etwa 3.500 bis 4.000 Kalorien. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Verbrauch eines Erwachsenen liegt bei 2.000 Kalorien täglich.

Das Gewicht einer Tagesration Essen liegt bei circa 1,2 Kilo im trockenen Zustand. In den ersten drei Wochen der Expedition kann der Körper noch nicht so viele Kalorien umsetzen, dafür haben wir dann kleine Rationen. Je länger wir aber unterwegs sind, desto mehr Nahrung benötigen wir.


F: Kocht ihr euer Essen oder handelt es sich um Fertiggerichte?

A: Wir haben Trekking-Mahlzeiten. Für die Zubereitung schmelzen wir Schnee, kochen das gewonnene Wasser auf, geben die exakt benötigte Wassermenge mit dem Fertiggericht zusammen und lassen das ganze etwas ziehen. Da das Schmelzen des Schnees schon so viel Zeit und Brennstoff braucht, können wir unmöglich Nahrungsmittel nehmen, die eine Kochzeit benötigen würden.


F:  Und wenn euch die Lebensmittel ausgehen?

A: Ganz einfach: Dann haben wir kein Essen mehr. Sollte uns auf der Expedition eine solche Situation drohen, werden wir vorher beginnen, unsere Rationen zu reduzieren, um so eine größere Zeit überbrücken zu können.
Die Regel ist aber: Was nicht dabei ist, ist nicht dabei. Es gibt keinen einzigen Supermarkt in der ganzen Antarktis.


F: Ist die Zufuhr von genügend Flüssigkeit ein Problem für euch?

A: Ironischerweise ja. Auch wenn wir auf über 30 Millionen Kubikkilometern aus Eis –  und damit 70 Prozent der Frischwasserreserve der Welt – unterwegs sind, so steht doch nichts davon unmittelbar zur Verfügung. Um Wasser zu bekommen, muss immer erst Schnee oder Eis geschmolzen werden. Tagsüber haben wir 3 Thermoskannen mit warmem Wasser dabei. Reicht das nicht aus, müssen wir warten, bis wir am Abend im Zelt wieder Schnee schmelzen können. Somit ist es immer sehr aufwändig, genügend Trinkwasser zu haben. Bei der Expedition 2008 hat uns oft der Durst geplagt.


F: Wo bleibt der Müll?

A: Wir sammeln allen Abfall und nehmen ihn am Ende der Expedition aus der Antarktis mit hinaus.


F: Wie viele Stunden schlaft ihr jede Nacht?

A: Schlaf ist wichtig und knapp. Wir versuchen immer, acht Stunden Schlaf und Ruhe zu bekommen. An Tagen mit gutem Wind werden wir aber so lange mit den Kites unterwegs sein wie möglich, sodass wir hier auch einige Zeit mit nur kurzen Ruhephasen zurechtkommen müssen.

Die in der Antarktis vorherrschenden 24 Stunden Helligkeit und Sonne bringen den normalen Körperrhythmus etwas durcheinander, da er sonst üblicherweise durch den Licht-Dunkelheit-Zyklus synchronisiert wird. Da die Dunkelheit bei uns wegfällt, ist immer eine etwas höhere Grundaktivierung zu spüren und der Körper kommt nie ganz zur Ruhe.


F: Wo schlaft ihr?

A: Da es in der Antarktis momentan auf unserer Route noch keine Hotels gibt (?), sind wir auf unser Zelt angewiesen. Es ist unser Zuhause für 80 Tage und wird jeden Tag aufgebaut. Wir haben nur ein Zelt dabei, könnten im Notfall aber in den Schlitten schlafen.

Innen ist es relativ warm, so lange die Sonne scheint. Unsere Schlafsäcke sind bis –30 Grad ausgelegt. 2008 hatten wir Schlafsäcke bis –40 Grad dabei, die waren uns aber zu warm, da die meiste Zeit Sonnenstrahlen auf das Zelt fallen und es dann deutlich wärmer ist als draußen.


F: Wie geschieht der Toilettengang im Eis?

A: Mit unseren Schneeschaufeln graben wir ein Loch in den Schnee. Bei Wind ziehen wir unseren dicken Daunenmantel an und drapieren ihn so um das ausgehobene Loch, das er an der Aussenkante dicht abschließt und die nackte Haut keine Erfrierungen bekommt.

Schnelligkeit ist hier grundsätzlich Trumpf!
Wir haben herausgefunden, dass die Schaufel mit dem Stiel im Rücken eine gute Sitzstütze hergibt. Unsere Kalkulation beläuft sich auf 7 Blättern Toilettenpapier pro Tag. Zusätzlich haben wir feuchtes Toilettenpapier dabei, das wir vor Gebrauch auftauen müssen. Nachts im Zelt verwenden wir eine Nalgene-Flasche, damit wir uns in der „Nacht“ zum Wasserlassen nicht komplett anziehen und aus dem Zelt müssen. Dies würde jedes Mal einen ziemlichen Energieverlust bedeuten.


F: Wie sieht es mit der persönlichen Hygiene aus?

A: Bei uns wird Hygiene groß geschrieben. Auf vielen Expeditionen finden es die Teilnehmer toll, sich nicht zu waschen. Wir nicht. Sie nennen es Schutzschicht – wir eher Schmutzschicht. Darum schmelzen wir alle paar Tage Schnee, erhitzen das Wasser und waschen uns mit Waschlumpen und Seife. Ebenso rasieren wir uns alle fünf bis sechs Tage.

In diesem Jahr planen wir, vermutlich als erste Expedition überhaupt, unsere Wäsche mit der Hand zu waschen und dann tagsüber auf dem Schlitten gefrierzutrocknen. Wir sind gespannt, ob es klappt.


F: Womit schützt ihr Haut und Augen vor der Sonne?

A: Die hohe Intensität der Sonne, zusätzlich reflektiert vom Schnee und verstärkt in der dünnen Luft auf dem hoch gelegenen Plateau, zwingt uns dazu, ständig eine Sonnenbrille zu tragen. Das Gesicht muss jeden Tag erneut mit Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor 50 geschützt werden.


F: Welche Kleidung tragt ihr?

A: Wenn jemand, der noch nicht in der Antarktis war, –30 Grad hört, denkt er, man müsse sich sehr dick anziehen. Weit gefehlt. Wenn wir unsere Schlitten ziehen, haben wir nur eine lange Unterwäsche an und eine Gore-Tex-Shell-Hose und Shell-Jacke. Das reicht aus, da wir sonst zu stark ins Schwitzen kommen.
Nur bei der Rast oder beim Kiten mit viel Wind ziehen wir wärmere, isolierte Kleidung an. Unsere Daunenjacken brauchen wir eher selten, sie sind aber ein sehr komfortables Kopfkissen.


F: Gibt es medizinische Unterstützung auf der Expedition?

A: Grundsätzlich sind wir auf der Tour auf uns alleine gestellt. Über Satellitentelefon können wir aber Kontakt zu einem Arzt aufnehmen. Wir haben ein umfangreiches Medikamenten-Kit und Erste-Hilfe-Material dabei. Armin ist ausgebildeter Rettungssanitäter, Wilderness First Aid Instructor und hat umfangreiche Erfahrungen mit Notfällen in der Wildnis (Buch: „Erste Hilfe Unterwegs“, Peter Rumpf Verlag, 4. Auflage). Dieter hat eine Ausbildung zum Wilderness First Responder durchlaufen. Für uns gilt: Immer vorausschauend zu handeln und erst gar keinen Notfall entstehen zu lassen.


F: Wie vermeidet ihr Gletscherspalten und woher wisst ihr, wo es sicher ist, unterwegs zu sein?

A: Da unsere Route bis zum Südpol eine Erstbegehung ist, gibt es keine Erfahrungsberichte von Spaltengebieten und es gibt keine brauchbaren Karten, auf denen wir Spaltenbewegungen studieren könnten.
Daher müssen wir ständig auf der Hut vor Gletscherspalten sein. Einsackungen im Schnee, vergrauter Schnee und Risse in der Oberfläche weisen auf Spalten hin. Ebenso entstehe sie besonders gerne in den Randfließzonen der Gletscher und an Hindernissen.

Das Spaltenproblem besteht hauptsächlich beim Aufstieg. Sind wir erst einmal auf dem Plateau, ist die Spaltengefahr geringer.


F: Wie kommuniziert ihr während der Expedition?

A: Wir kommunizieren über Iridium Satellitentelefone, da das Iridium System momentan das einzig verfügbare Kommunikationssystem an den Polen darstellt.
Über einen kleinen Computer und die Telefone senden wir täglich unseren Iceblog und ein Bild. Die Novo Airbase erhält von uns ebenfalls jeden Abend um 20.00 Uhr die aktuelle Position und eine kurze Lagemeldung.

Für den absoluten Notfall haben wir einen PLB (Personal Locator Beacon) dabei, mit dem über das Cospas-Sarsat-Satellitensystem eine Notrufmeldung mit Position gesendet werden kann.

Während dem Kiten kommunizieren wir über Funkgeräte miteinander, die in unsere GPS Geräte eingebaut sind.


F: Was passiert, wenn ihr den Kontakt zueinander verliert?

A: Da müssen wir schon aufpassen, denn schlechte Sicht begleitet uns in der ganzen Antarktis. Sobald es bewölkt ist und der blaue Himmel als Kontrast fehlt, verschwimmt die Landschaft konturlos in einem matschigen Weiß. Und sobald Wind über 10 Knoten aufkommt, wird Schnee in die Luft gewirbelt. Bei noch stärkerem Wind entsteht das so genannte Whiteout – keine Sicht, keine Orientierung.
Beim Kiten sind die Schirme eine gute Orientierungshilfe, um den anderen im Schnee auszumachen. Wir versuchen aber immer, auf Sichtweite zu bleiben.

Sollten wir uns trotzdem verlieren, so können wir uns über die GPS-Funkgeräte wiederfinden. Sie haben eine Ortungsfunktion, welche die Position des Partners anzeigt. Abgesehen davon hat jeder noch ein Satellitentelefon im Schlitten, über das der andere erreicht werden kann. Dies ist aber nur für den Notfall. Grundsätzlich gilt es, sich auf keinen Fall zu verlieren.


F: Wie ladet ihr die elektrischen Geräte wie Satellitentelefon, GPS und Kamera auf?

A: Wir verwenden zwei Solarpanele, die jeweils eine Leistung von 20 Watt besitzen. Durch die starke Sonneneinstrahlung und die feinstaubfreie Luft, ist ihre Wirkung in der Antarktis besonders effektiv. Von den Modulen geht der Strom direkt in eine große Pufferbatterie, von der aus wir die Geräte laden.
Meist laden wir die Batterien am Abend. Allerdings müssen wir die Panels wegen der schnellen Sonnenbewegung fast jede Stunde umstellen. Tagsüber können wir die Batterien nur laden, wenn wir bei Windstille zu Fuß gehen und die Module dann auf die Schlitten spannen können. Beim Kiten wäre die Gefahr des Verlusts zu groß.

Grundsätzlich benötigt das Aufladen viel Zeit und Arbeit. Darum sind wir ständig bemüht, so wenig Strom wie möglich zu verbrauchen.


F: Haben Treibhausgase einen direkten Einfluss auf die Expedition in der Antarktis?

A: Es sieht so aus, als ob an den Rändern der Antarktis eine graduelle Erwärmung stattfindet, die auch zu vermehrtem Schneefall führt. In der Zentralantarktis scheint hingegen die Klimaerwärmung wenig Auswirkung zu haben, teilweise lassen sich sogar fallende Temperaturen beobachten. Für unsere Expedition heißt das, dass wir am Anfang mit mehr Wetterkapriolen und Schneefall rechnen müssen. So haben wir es auch schon 2008 beim Start auf der Neumayer-Forschungsstation erlebt.  


F: Wie bekommt ihr den Wetterbericht?

A: Über unser Satellitentelefon bekommen wir jeden Abend eine SMS mit dem Wetter für den nächsten Tag in einer codierten Kurzform. Leider waren die Vorhersagen von unseren Wetterfröschen in 2008 meist wenig zutreffend. Die den Vorhersagen zugrunde liegenden Wettermodelle haben sich seit damals aber weiterentwickelt und wir hoffen, dass die Vorhersage in diesem Jahr zuverlässiger sein wird.


F: Wie wird das Wetter im Expeditionszeitraum von November bis Februar sein?

A: Der November ist statistisch der kälteste Monat der Periode. Von der Küste bis auf 3.200 Meter auf dem Plateau wird die Temperatur weiter sinken. Durch die fast ständige Sonneneinstrahlung fühlt es sich allerdings oft wärmer an, als es tatsächlich ist. Problematisch ist der Wind, der einen sehr starken Auskühlungseffekt hat.

2008 hatten wir beim Start ungefähr –15 Grad und später auf dem Plateau eine Temperatur von –35 Grad. In einem Zeitraum von vier Wochen erlebten wir zwei Nordstürme und sonst meist sehr sonniges, ruhiges Wetter ohne Wind.


F: Werdet ihr auf Tiere treffen?

A: Tiere leben in der Antarktis nur entlang der Küste. Dort gibt es Pinguine, Walrosse, Robben und zahlreiche Vögel. Eisbären leben nicht in der Antarktis, die gibt es nur in der Arktis. Da wir aber nur im Inland unterwegs sind, werden wir mit uns selbst vorlieb nehmen müssen. Bei der Expedition 2008 haben wir bis 500 Kilometer von der Küste entfernt hin und wieder Schneesturmvögel gesehen.


F:  Wie viele Skiexpeditionen wie eure gibt es jedes Jahr?

A: Die erste Expedition am Südpol war die des norwegischen Polarforschers Roald Amundsen im Jahr 1911 – also vor genau hundert Jahren. Laut unserer Quelle  Adventurestats.com/Explorersweb.com gab es seitdem nur sechs weitere Expeditionen mit einer Expeditionslänge von über 3.000 Kilometern. Zwei der Teams waren mit motorisierten Gefährten unterwegs, bei einer weiteren Tour wurden Hundeschlitten verwendet. Bei den übrigen drei Expeditionen wurden Kites eingesetzt.

Aus dieser Perspektive gesehen gibt es nicht sehr viele Expeditionen, die sich auf solch eine Distanz einlassen. Immer populärer werden so genannte Last Degree oder Second Last Degree Expeditionen, bei denen die Teilnehmer 110 Kilometer beziehungsweise 220 Kilometer vor dem Südpol ausgesetzt werden und von dort aus zum Südpol gehen. Relativ populär ist auch die Strecke Patriot Hills/Union Glacier zum Südpol mit einer Distanz von ungefähr 1100 Kilometern.
Die meisten Besucher der Antarktis kommen mit Kreuzfahrtschiffen und erleben den Kontinent in kurzen Landgängen, kommen aber nie wirklich ins Land hinein. Weiterhin gibt es ein wenig Forschungstourismus, der sich hauptsächlich in den Sommermonaten in und um die Forschungsstationen abspielt.

In diesem Jahr gibt es zwei weitere, sehr interessante längere Expeditionen. Der Belgier Dixie Dansercoeur und sein Partner Sam Deltour versuchen, eine über 6.500 Kilometer lange Circumnavigation des Südpols mit Kites. Hierfür haben sie sich von OZONE einen Kite mit 50 Quadratmeter bauen lassen. Wir sind gespannt auf die Erfahrungen dieser Expedition.

Außerdem gibt es die British Antarctic Expedition 2011 (www.bae2011.com), die in einem Vierer-Team auf einer kurzen Route von 1800 km die Antarktis zum Ronne Ice Shelf durchqueren will.