19.11.2011 17:08

Was ist er nun, der Ruf?

Nach einigen Nachtflügen – erst mit der Iljushin, dann mit der Lufthansa – sind wir wieder in Deutschland angekommen. Gestern kam spontan Christoph, unser Coach, vorbei und wir haben die ganze Vorbereitung, die Expedition und unsere Entscheidung zur Rückkehr etwas tiefer beleuchtet.


Unsere erste Frage war natürlich: Was war es denn, dass uns da die ganze Zeit gerufen hat? Was uns dazu bewogen hat, so viel Aufwand, so viel Zeit und Energie in etwas zu investieren, das schon nach einer scheinbar kurzen Zeit zu Ende war. Haben wir etwas übersehen, sind wir etwas auf den Leim gegangen?
 
Von einigen Leuten haben wir die Frage gestellt bekommen, warum wir nicht dort geblieben sind und irgendwas gemacht hätten. Warum sind wir so schnell wieder zurückgekommen?
 
Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Wir sind nicht in die Antarktis gegangen, um irgendetwas zu machen. Wir hatten über eine sehr lange Zeit eine klare Ausrichtung, auf die wir uns fokussiert haben. Da ist es schwer, plötzlich auf etwas anderes umzuschwenken und dann darin einen Sinn zu erkennen. Irgendetwas ist eben nur irgendetwas.
 
Tatsächlich hatten wir den Gedanken, etwas anderes zu machen. Nur ist uns irgendwann klar geworden, dass der Gedanke eher aus einem Schuldgefühl entsprang, als wirklich aus einem Wollen. Das drückende Gefühl versuchte uns  einzureden, dass sich unser „Versagen“ reduzieren wird, wenn wir noch etwas länger in der Antarktis herumhängen. Wenn wir uns aufreiben und erschöpfen. Nach dem Motto: Je länger wir durch Zeit „Abbitte“ leisten, desto erleichterter können wir zurückkehren und unsere Hände in Unschuld waschen. Aber, wie toll fühlt es sich an, aus einem Gefühl der Abbitte etwas länger zu tun als man eigentlich möchte?
 
Es war schwer, diesem drückenden Gefühl am Anfang Stand zu halten. Wir kennen es aus dem Alltag. Länger im Büro zu sitzen, als es wirklich notwendig ist. Weil man sich sonst schuldig fühlt, es sich zu einfach zu machen und nicht genug getan zu haben. An einer Partnerschaft festhalten, obwohl hier schon lange kein gutes Miteinander mehr herrscht. Ein Gespräch länger zu führen, als man es eigentlich möchte. Sich etwas vorzuenthalten, weil man das Gefühl hat, es nicht verdient zu haben. Oder bei uns eben – in der Antarktis herumzuirren, da man sein Ziel nicht erreichen kann.
 
Es bedurfte viel Klarheit, nicht diesem gewohnten und verführerischen Gefühl der „Schuld“ auf den Leim zu gehen und uns selbst zu demütigen. Und uns ist klar geworden, wie oft wir das in der Vergangenheit schon getan haben. Und damit Zeit verschwendeten, die wir eigentlich in das Neue hätten investieren können. Und trotzdem drückt noch ein Teil in uns, der uns immer wieder einredet, dass wir zu früh aufgegeben haben, es vielleicht noch einen anderen Weg gegeben hätte. Aber, dies ist zum Glück die leisere Stimme. Der Rest ist völlig im Frieden damit und ihm ist klar, dass er das andere gar nicht gewollt hätte.
 
Was hat uns denn nun aber gerufen?
 
Christoph drückte es so aus: Es war der Ruf, auf den Ruf zu hören!
 
Stille.
 
Auf den Ruf zu hören, der uns in die Lebensfreude, den Enthusiasmus und in die Leichtigkeit leitet. Und nicht mehr auf die Stimme des Egos zu hören, die uns gerne für weitere 40 Tage durch die Sastrugifelder gejagt hätte, um dann doch unverrichteter Dinge irgendwo aus dem Eis abgeholt zu werden. Oder uns zumindest noch einige Zeit durch die Berge gepeitscht hätte, um nur nicht die eigenen Pläne aufgeben zu müssen.
 
Dem Ruf zu folgen, etwas komplett loszulassen, was uns nur noch Leiden und Unglück gebracht hätte. Egal, wie viel Zeit und Energie darin investiert wurde. Um damit nicht noch mehr Zeit und Energie in eine Sackgasse zu investieren. Hinzuhören, wohin der wirkliche Weg geht, egal was wir geplant, uns vorgestellt und ausgemalt hatten. Der Stimme zuzuhören, die unser Glück und nicht unseren Untergang möchte.

Und zu lernen, die eine von der anderen Stimme zu unterscheiden.
 
Was es bei uns beiden sein wird, wissen wir (noch) nicht. Die Entscheidung, es nicht noch einmal zu versuchen, hat aber Platz geschaffen. Wir werden uns die Zeit nehmen, die wir durch die frühe Rückkehr noch haben, um hier weiter hinzuhören und das entstehen zu lassen,das gerade unterwegs ist.
 
Dixie und Sam, Sebastian und Erik wünschen wir alles Gute mit dem Fortgang der Expedition.
 
Aloha,
Armin und Dieter


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